Weihnachtsvorschau auf die Seewächterin

 

Seewächterin

gezeichnet von Mamoon (auf Facebook)

Das Wasser umschmeichelte ihre Waden. Langsam schwappte es vor und zurück und nahm mit jedem Mal ein Stück ihrer Selbst mit sich. Unter dem sternenklarem Nachthimmel stand sie allein im Dunst der Brandung. Bald schon umschlangen die Wellen ihre Hüften. Sie wurden immer ungehaltener in ihren Bewegungen, doch ihr Körper sank langsam und ruhig weiter und weiter in das kühle Nass.

Sobald das Wasser ihre Gestalt zur Gänze bedeckten würde, würden sich ihre Augen öffnen und sie eine unzertrennbare Verbindung mit dem Element eingegangen sein. Von da an würden ihr das Wasser und seine Bewohner gehorchen. Sie würde im Gegenzug ihre Vertreterin an Land sein und sie beschützen.

Das Meer und die Seewächterin leben in perfekter Harmonie, so erzählt es die Legende.


 

Über dem Hafen lag dicker Nebel und nur aus einer der naheliegenden Tavernen schien ein Lichtstrahl in die Finsternis. Ausgelassener Gesang und schallendes Gelächter durchbrach die Stille der Nacht, als eine leicht bekleidete Frau die Tür zum „Jauchzenden Fischer“ aufstieß und in den kleinen Holzverschlag eintrat. Mit einem Mal verstummte die Gesellschaft und gut dreißig Mann starrten aus den Augenwinkeln den Neuankömmling an. Mit sicheren Schritten durchquerte die junge Frau die Taverne und lehnte sich an den Tresen.

„Das Stärkste, das du hast, guter Mann,“ forderte sie den Barmann auf. Leises Gemurmel durchsetzt mit einigem Kichern erfüllte den Raum, als der dickbäuchige Wirt einen doppelwandigen Eisenkrug vor die zierliche Frau stellte.

„‘Jaulender Grimmbauch‘,“ ließ der Wirt verlauten.

Die Frau griff den Becher und so mancher Seemann hätte schwören können, dass einige Tropfen, die an den Seiten herunter gerollt waren, bereits den Tresen angefressen hätten. Sie setzte das Gesöff an ihre Lippen und stürzte es mit einem Mal hinunter. Angespannte Stille hing wie ein Laken in der Luft. Einige Sekunden blieb sie so stehen und rührte keinen Muskel. Erst nachdem die Ersten schon wieder ihre Gespräche aufnahmen, zuckte es durch ihren Körper und ein schallender Rülpser ließ die Taverne erbeben.

„Davon nehme ich noch einen!“ schrie sie freudig erregt heraus „Für alle einen ‚Jaulenden Grimmbauch‘!” Ihr vorher vom Schatten verhülltes Gesicht glühte vor Ekstase als sie sich zu zwei Männern gesellte, die gerade von ihrer letzten Seefahrt berichteten. Sie setzte ihren Krug auf den Tisch und erneut fraßen sich einige Tropfen durch den Lack. „Ihr seid also die härtesten Seemänner hier, was? Los, was ist eure größte Heldentat, sagt an!“

Die Stirn runzelnd nahm der erste, ein Bär von einem Mann, einen tiefen Zug von seinem Getränk und strich sich durch den Bart. „Es war damals, als wir um das Kap von Dimona segelten, auf der Suche nach den Inseln, die sich im Süden befinden sollen. Eine Cranguilla kam und versuchte unser Schiff verschlingen, doch da sie noch ziemlich klein war, schafften wir es, sie mit bloßen Händen zu ergreifen und wieder zurück ins Wasser zu werfen. Noch nicht einmal den Todesnebel konnte sie ausstoßen.“ Er blickte zum anderen Mann. „Und von was kannst du berichten?“

Sein Kamerad, der ebenso groß war und dem ein Auge fehlte, sprach: „Ich verlor dieses Auge, als ich gegen einen riesigen Kalmar kämpfte. Er hatte unseren ersten Maat umschlungen und ich riss die Tentakel mit meinen eigenen Händen von ihm los. Dabei umschlang das Biest meinen Kopf und riss mir mein Auge aus. Allerdings kam auch er nicht ungeschoren davon, ich konnte mit einem Entermesser ein Stück seines Fangarms abschneiden, und lasst mich euch sagen: es schmeckte köstlich!“

Die Frau schüttelte sich vor Lachen und nahm einen weiteren Schluck vom Grimmbauch. „Da biegen sich ja die Balken! Eine Cranguilla mit bloßen Händen ins Meer werfen und die saugenden Tentakel des Kalmars ebenso unbewaffnet losreißen. Aber ich sage euch etwas, einen Kalmar habe ich ebenfalls schon besiegt, gleich hier in der Bucht. Bestimmt wird der Körper bald angespült.“

Diesmal war es an den Seeleuten zu lachen. „Wenn du so stark bist wie du erzählst, warum beweist du es uns nicht? Lass es uns mit Armdrücken ausmachen.“

Kurzum willigte die Frau ein und stellte einen Ellbogen auf den Tisch. „Wer von euch will zuerst verlieren? Nun?“

Der Einäugige setzte sich ihr gegenüber und ließ ihre zierliche Hand in seiner riesigen Pranke verschwinden. Alle Augen waren nun auf die beiden Kontrahenten gerichtet und schnell sah es aus, als würde Einauge gewinnen. Doch dann, nachdem sie lässig einen dritten Schluck genommen hatte, riss die zierliche Gestalt den Arm in einer schnellen Bewegung um und zersplitterte die Tischplatte gleich unter der aufschlagenden Hand des Gegners. Sich die Taubheit aus den Gliedern reibend, stand ihr Gegner auf und ließ den Bärtigen an die Reihe. Diesmal hielt sich die Stärke der beiden in der Waage und keiner schien die Oberhand gewinnen zu können. Nach einiger Zeit schlug der Bärtige vor, es stattdessen mit einem Wetttrinken zu auszumachen. Becher um Becher stapelte sich auf dem Tisch und die Trinker um sie herum begannen, Wetten abzuschließen. Dann schließlich fiel der Bärtige vom Stuhl und schlief erschöpft ein.

Jubelnd sprang die Frau auf, kassierte ihre eigenen Wettgewinne ein und orderte eine neue Runde vom Grimmbauch. Dabei entging ihr, dass wie zuvor für alle nur kleine Gläser ausgegeben wurden und ihr ein Humpen vorgesetzt wurde. Sie reihte sich bei den Seeleuten ein und fing an, mit ihnen Lieder zu grölen.

Nachdem sie auch diesen Becher geleert hatte, fragte der Wirt sie ungläubig: „Was seid ihr?“

„Eine Seewächterin natürlich!“ antwortete sie und fiel ebenfalls um.

Bestimmt hat sie ebenfalls nur Garn gesponnen, dachte sich der Wirt und brachte sie, nachdem er aufgeräumt hatte, nach draußen. Als er sie laut schnarchend auf ein aufgerolltes Tau legen wollte, entging ihm nicht der Riesenkalmar, der am Strand lag und von den Wellen umspült wurde.

So erzählt es das Leben.